Hoffnungsbriefe

Stoßgebete

2. Hoffnungsbrief 28.02.2021 von Edzard Steffens

Es war der 2. Oktober 2003, die zweite Hofpause war gerade beendet und ich unterrichtete Mathematik in einem Mobilbau mit Blick auf das große Schulgebäude. Es war eigentlich wie immer und ich hatte Freude an meiner Arbeit. Plötzlich rief eine Schülerin, die sich gerne durch Albernheiten in den Mittelpunkt bringen wollte: „Herr Steffens, Herr Steffens, die Schule brennt!“ Ich sagte noch zu ihr: „Hör mit dem Quatsch auf.“, als mein Blick auf das fast 100 Jahre alte Schulgebäude im Bremer Osterfeuerbergviertel fiel – und ich sah das Bild, das ich auf dem Brief abgedruckt habe.

Foto Hoffnungsbrief Steffens
Fotograph V. Blumhoff

Ich dachte an die über 400 Kinder und Unterrichtenden, die sich gerade jetzt in ihren Klassenräumen befanden und mein Herz sackte in die Hose. Ein erstes Stoßgebet von mir erreichte den Herrn, dass keinem etwas passieren möge – und ich fühlte sofort eine gewisse Zuversicht. Wir hatten Feueralarmübungen durchgeführt und eigentlich wusste jeder, was zu tun war. Zudem war das Feuer im Dach ausgebrochen und vielleicht zog der Rauch, fast die größte Gefahr bei einem Brand, nicht in das Gebäude sondern nach oben ab. Selber konnte ich in diesem Moment gar keinen Einfluss nehmen, weil ich ja in einem anderen Gebäude war.

Tatsächlich kam es so, mit Hilfe meiner wunderbaren Kolleginnen und Kollegen sind alle Kinder und Erwachsenen in aller Ruhe aus dem Gebäude gelangt und haben sich auf dem Schulhof aufgestellt. Die Meldung kam zu mir von allen, dass keiner mehr im Schulgebäude war und alle vollzählig waren. Ein zweites Stoßgebet erreichte den Herrn, diesmal ein Dankgebet!

Inzwischen waren ungefähr zwanzig Feuerwehrfahrzeuge eingetroffen und ich gab die Meldung der Vollständigkeit an deren Leiter weiter, als plötzlich am Himmel ein Rettungshubschrauber erschien und über der Schule kreiste. Wieder erreichte mein Stoßgebet den Herrn, „lass keinen mehr im Gebäude sein!“ Wieder wurde ich sofort beruhigt und zuversichtlich und tatsächlich erläuterte mir der Leiter der Feuerwehr, dass dies ein Automatismus sei, wenn irgendwo eine Schule oder eine vergleichbare Einrichtung brennt.

Inzwischen hatte sich eine beachtliche Menge an Personen aus dem Viertel in ausreichender Entfernung angefunden. Sowohl bei ihnen als auch bei den Schülerinnen und Schülern sah ich viele Tränen. In der Tat hingen sie an „ihrer“ Schule und waren richtig traurig. Viele auch ältere Menschen wohnten ihr Leben lang im Viertel und hatten die Schule schon besucht und waren ihr verbunden. Wieder ging ein Stoßgebet zum Herrn: „Wie sollen wir das bloß schaffen, gib uns doch die Kraft dazu!“

Wirklich ist es uns in den folgenden zwei Tagen gelungen, in der Nachbarschaft Räume zu finden und sie mit Hilfe vom Kollegium, von Eltern und unserem tollen Hausmeister zu möblieren. Am dritten Tag konnten wir wieder Unterricht machen und ich habe selten so glückliche Kindergesichter gesehen wie an diesem Tag. Sie waren nun sicher, dass keinem etwas passiert war, dass alle ihre Freundinnen und Freunde wieder da waren!

Ich bin sehr sicher, dass ohne die Hilfe Gottes alle diese Dinge nicht so hätten gelingen können. Die Hoffnung und die Zuversicht, die ich sofort und unmittelbar nach meinen Stoßgebeten gefühlt habe, konnte ich weitergeben an viele Beteiligte und wir gewannen die Kraft, eigentlich Unmögliches zu schaffen. Ich möchte Sie ermutigen, in Situationen, in denen man nicht mehr weiter weiß, in einem Gebet den Herrn um Hilfe zu bitten. Er wird nicht immer das tun, was wir erwarten aber er hört uns und wird helfen. Die Hoffnung, Zuversicht und Kraft, die ich durch das Gebet erfahren habe, werden auch Sie finden und sie werden Ihnen helfen, schwierige Zeiten zu überwinden. Die Schule konnten wir übrigens nach einer viel zu langen Zeit, aber dafür wunderbar renoviert wieder voll in Betrieb nehmen.

Edzard Steffens

Susi und das Leben danach

1. Hastedter Hoffnungsbrief 21.02.2021 von Pastorin Ulrike Oetken

Unsere Katze heißt Susi und seit sie bei uns bei uns lebt, hat sie sich zu einem Naturkind entwickelt. Zuvor war sie eine Wohnungskatze, aber seit einigen Jahren zieht es sie mehrmals am Tag in den Garten. Was sie dort alles so unternimmt, können wir nur ahnen. Die Tierärztin hat ihr unlängst bescheinigt, dass sie kerngesund ist, fit und körperlich auf der Höhe.

Von Corona hat sie noch nichts gehört. Das interessiert sie schlicht nicht. Ihr Leben hat sich durch die Pandemie in keiner Weise geändert. „Beneidenswert“, denke ich manchmal, wenn ich sie in der Sonne liegen sehe, oder durch die Büsche streifen oder wie sie wie eine Königin an der Gartenpforte die Passanten defilieren lässt, als kämen sie nur vorbei, um ihr ihre Aufwartung zu machen.

Als aber neulich Schnee fiel, wurde alles anders. Auf einmal war der Balkon, über den sie in den Garten huscht, unter einer weißen Decke verschwunden. Dasselbe Bild vor der Haustür. Das war ihr nicht geheuer. Keinen Fuß wollte sie auf diesen Untergrund setzen. Wie angewurzelt hockte sie davor, zu keinem weiteren Schritt bereit. Wer weiß, vielleicht ist dieses Weiß ja ein Nichts und man fällt hindurch ins Bodenlose. Ich bilde mir ein, solche Gedanken hinter ihrer Stirn rattern zu sehen. Der Versuch, sie einfach einmal hinein zu setzen in diese kalte weiße Welt, wurde von Susi empört zurückgewiesen. Mittlerweile werden wir sogar wütend angezischt, wenn wir nur die Balkontür öffnen.

Katze

Seitdem hängt der Haussegen schief. Susi ist offensichtlich unausgelastet und schlecht gelaunt. Ihr fehlen Bewegung, Anregungen und vermutlich auch diverse soziale Kontakte, von denen wir nichts wissen. Susi ist in Quarantäne. Irgendetwas Großes, Fremdes, Undurchschaubares hindert sie am gewohnten Leben. Nachdem sie anfangs einfach mehr geschlafen hat, vertreibt sie sich nun die Zeit mit Fressen. Sie hat angefangen, die Küche nach Essbarem zu durchsuchen. Das ist neu. Sie sucht mehr Gesellschaft, spielt wieder gerne mit allem, was auf dem Fußboden liegt. Aber all das macht sie nur mäßig zufrieden. Immer öfter sieht man sie nun sehnsüchtig am Fenster sitzen und hinausschauen: „Wenn das doch bald vorbei wäre! Aber ob es überhaupt jemals aufhört? Wir es ein Danach geben? Und wird die Welt einmal wieder so sein, wie ich sie kannte? Ich will nicht mehr, meine Geduld ist am Ende!“ . Bei diesem Gedanken angekommen, muss Susi sich oft mit einem Galopp durch das Zimmer abreagieren.

Wie gut ich sie verstehen kann. Mir geht es ja genauso. Auch ich warte sehnsüchtig auf das Leben wie ich es kannte. Vor Corona. Aber wie es dann wirklich sein wird, das kann ich mir kaum vorstellen. Genauso? Oder ganz anders? „Wann wird es endlich wieder so wie es nie war?“ heißt ein Roman von Joachim Meyerhoff. Eine gute Frage. Im Rückblick scheint das Leben vor Corona paradiesisch. Wann wird es wieder so? Aber war es denn das Paradies? Und wonach sehne ich mich eigentlich wirklich? Danach, dass alles wieder so wird? Oder danach, dass es weiter geht und etwas ganz Neues beginnt?

Die Bibel bewegt sich mit ihren Geschichten zwischen dem Anfang im Paradies hin zu etwas, das wir nicht kennen. Ihre Hoffnung ist nicht die Rückkehr zu den Anfängen, sondern die Reise zu etwas neuem Unbekannten. Jesus nannte es Reich Gottes. Auf dem Weg dahin gibt es das Reich des Todes und eine Tür, die heißt Auferstehung. Das alles ist für uns Menschen mindestens so unbekannt wie für Susi der Schnee.

Ungeduldig warte ich darauf und ich hoffe und glaube, dass das Kommende anders, aber gut sein kann. Ich rede meiner Katze gut zu. Sie lehnt sich an mein Bein und maunzt. Gemeinsam schauen wir in den Garten.

Und ich habe Paulus im Ohr: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden!“

(2. Korinther 5,17).

Pastorin Ulrike Oetken